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Zucker wirkt wie eine Droge

Zeitungsausschnitt

 

Es waren kleine Versuchsratten im Labor Princeton University, an denen der Psychologe Bartley Hoebel die Kraft des weißen Übels beobachtete. Zuerst begannen die Tiere mit den Zähnen zu klappern, so, als ob sie furchtbar frieren würden. Dann zitterten auch ihre Vorderpfötchen und ihr Kopf wackelte unkontrolliert hin und her. Typische Entzugssymptome, notierte Hoebel. So, wie sie auftreten, wenn sich der Körper zu sehr an eine Droge gewöhnt hat. Und sie immer wieder fordert.

Die Ratten hatten keine Drogen bekommen — sondern Zucker. Über mehrere Wochen hatte Hoebel die Tiere täglich erst einige Stunden lang hungern lassen und ihnen dann Zuckerwasser angeboten, dass sie gierig tranken. Das ließ den Spiegel des Botenstoffs Dopamin ansteigen, wie Hoebel nachwies. Ein Stoff, der auch beim Menschen wirkt, ihn glücklich macht und schmerzlindernd wirkt. Den Ratten schien es ähnlich zu gehen. Ihr Körper gewöhnte sich an den Zuckerrausch und brauchte immer mehr des Stoffes. Die Tiere wurden regelrecht süchtig nach dem Zucker. Entzog man ihnen kurzzeitig das Zuckerwasser, stürzten sich die Tiere hinterher darauf und hatten innerhalb der Stunde intus, was sie vorher an einem ganzen Tag zu sich genommen hatten.

Zucker wirkt wie eine Droge

Das Zucker wie eine Droge wirken kann und das nicht für Ratten, sondern wohl auch für Menschen gilt, weiß man erst seit etwa zehn Jahren, seit dem Experiment von Hoebel. Die Liebe zum Zucker ist fest im menschlichen Gehirn verankert. Wenn der Mensch kann, dann isst er Zucker.

In den vergangenen 50 Jahren hat sich so der Zuckerkonsum weltweit verdreifacht. In Deutschland nimmt man heute mit durchschnittlich 100 Gramm täglich das Vierfache dessen zu sich, was die Weltgesundheitsorganisation WHO seit 2015 empfiehlt. Und das ist ein massives Problem. Denn der hohe Zuckerkonsum verursacht Fettleibigkeit, Diabetes und Herz-Kreislauf-Störungen — die Zahl Betroffener klettert weltweit seit gut drei Jahrzehnten nicht nur stetig, sondern vor allem schnell in die Höhe. Deshalb wächst jetzt der Druck auf die Lebensmittelhersteller, die bisher dem Wunsch nach Süßem gern nachgekommen sind: In fast allen verarbeiteten Lebensmitteln steckt heute Zucker. Die WHO verlangt, dass sich das ändern muss, dringend.

 

 

 

Jörg Zittlau und Fanny Jiménez

Quelle: Auszug aus dem Artikel „Süß ist nicht genug“,

Welt am Sonntag, Nr. 2, 8. Januar 2017